Forscher Jens Blechert (Foto: © Gruber/Haigermoser)

Sag mir, wer du bist, und ich sag dir, wie du isst

Ein Leben ohne Heißhungerattacken? Ohne Schokolade an stressigen Arbeitstagen oder Chips beim Fernsehen? Ob aus Langeweile oder unter Druck – viele essen mitunter aus psychologischen Gründen und nicht, weil sie gerade Hunger haben. Auch Essstörungen wie Bulimie, Magersucht oder Binge Eating sind psychologischen Ursprungs. Sowohl für gesunde, als auch krankheitsbedingte Überesser entwickeln Forscherinnen und Forscher der Universität Salzburg und der FH Salzburg nun die auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende App „SmartEater“.achstein und EPFL oder ABIOS.

Professor Jens Blechert vom Zentrum für Kognitive Neurowissenschaften der Uni Salzburg widmet sich, ausgezeichnet durch den European Research Council Starting Grant, einer Förderung für bahnbrechende Forschung, den psychologischen Aspekten des Essens. „Im Kern geht es um individuelle Ernährungspläne. Viele Leute haben gute Vorsätze, scheitern aber in der Ausführung. Sie brechen ein, wenn sie gestresst sind oder negative Gefühle haben. Wir wollen mit persönlichen Daten, die wir mittels Smartphone-Umfragen erheben, auch via Smartphone intervenieren“, sagt Blechert.

Zu kritischen Zeiten, nämlich genau dann, wenn die Nutzerin oder der Nutzer starkes Verlangen nach ungesunden Lebensmitteln hat, sollen passende, hilfreiche Textnachrichten gesendet werden. Aber auch im Voraus soll die App wirken – zum Beispiel in den jeweils richtigen Situationen dazu auffordern, einen Einkaufsplan für die nächsten Tage zu erstellen oder einkaufen zu gehen. Hier kommt KI ins Spiel: Individuelle Essgewohnheiten werden analysiert und darauf basierend Tipps und Prognosen zusammengestellt. Dieser Vorhersagealgorithmus ist essentiell für das Projekt. Und wer kennt es nicht – mit leerem Magen einzukaufen, ist anders, als satt vor dem Tiefkühlregal zu stehen. Laut Blechert sinke die Gefahr, zu ungesunden Lebensmitteln zu greifen, wenn man beim Einkaufen satt ist.

Nicht nur was gekauft wird, ist wichtig, sondern wann

Der Experte meint, dass die meisten ohnehin wüssten, was sie essen sollten. „Wir fokussieren uns nicht darauf, was gegessen werden soll, sondern wie man besser planen kann, um falsches Essverhalten zu vermeiden. Wir glauben nicht, dass wir den Leuten sagen müssen, was auf ihrer Einkaufsliste stehen soll, sondern vielmehr, wann und wie sie einkaufen sollten. Ernährungsberater kann die App nicht ersetzen. Sie ist eine Ergänzung, vor allem, weil gelerntes gesundes Essverhalten im Alltagsstrudel oft untergeht.“

Vergleichbares gäbe es am Markt derzeit nicht, jedenfalls keine Apps, die Vorhersagen mittels KI-Technologie treffen. Die meisten Apps decken Fitness- oder Ernährungszusammensetzungsthemen ab, ohne die psychologische Komponente zu berücksichtigen. Diese prägt aber das Essverhalten stark. „Uns geht es um das Temptation-Management, darum, dass die Ernährungssteuerung auf psychologischer Ebene gut funktionieren kann“, sagt Blechert. Die App wird mit einem Forschungsteam rund um FH Professor Simon Ginzinger vom Studiengang MultiMedia Technology der FH Salzburg im Sommers 2019 technisch entwickelt und im Herbst an Essstörungspatienten getestet. Bis November wird mit Hilfe von gesunden Probandinnen und Probanden, die ihr Gewicht stabilisieren wollen, festgestellt, ob die Tipps der App grundsätzlich wirksam sind. Bis zur Marktreife gilt jedenfalls schon mal der Vorsatz, nicht hungrig einkaufen zu gehen.

Weitere Informationen unter www.essforschung.at

Gepostet am 23.08.2019

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